Können wir das nochmal in Zeitlupe sehen?
Wann und warum wir in der Team-Kommunikation manchmal den Video-Assistenz-Schiedsrichter gebrauchen können
„Wir haben wenig Zeit, deshalb lasst uns langsam vorgehen.“ So lautet ein Zitat der Psychoanalytikerin Ruth Cohn. Was erstmal paradox klingt ist ganz logisch: wenn wir langsam und gründlich vorgehen, können wir für mehr Klarheit und Orientierung für die Beteiligten sorgen. Und dann können wir in kurzer Zeit viel erreichen mit geringen Reibungsverlusten. Deshalb schalte ich in komplexen oder schwierigen Gesprächen zwischen zwei Personen und in Gruppen oft die Zeitlupe ein. Ich beschreibe hier: wann, wie und wozu ich das tue.
Ihm Profifußball gibt es inzwischen den Videoschiedsrichter, der anhand verschiedener Kameraperspektiven und Zeitlupen entscheidet: warte mal, das hier solltest Du Dir nochmal genau ansehen. Genau so eine Unterstützung bräuchten Teams bei der Zusammenarbeit auch manchmal. Denn immer wieder erlebe ich es in Workshops und Retrospektiven, dass die Mitarbeitenden in den Teams eine bestimmte Art von Thema nicht zur Klärung bringen, wenn sie im „Spielfluss“ sind. Mit Spielfluss meine ich hier den Zustand des Alltags: Dinge müssen abgearbeitet werden, Deadlines müssen eingehalten werden, an Meetings muss teilgenommen werden, E-Mails wollen gelesen, sortiert und beantwortet werden, Arbeitspakete müssen vorangetrieben werden, Ergebnisse müssen präsentiert werden. Das alles bestimmt das Tagesgeschäft dieser Menschen und wahrscheinlich auch Deines. Und dazu kommen dann noch Anfragen und Störungen aller Art.
Dann fehlt schnell die Zeit, dazwischen innezuhalten und sich zu fragen, hat er das gerade wirklich so gesagt, wie ich es aufgefasst habe? Oder: ich habe ihr zugehört, und habe ich wirklich verstanden, was sie damit meint? Oder: finde ich es eigentlich richtig, wie wir gerade vorgehen? Manchmal ist es auch nicht die Zeit fehlt, sondern wir messen dem genauen Hinterfragen nicht genug Wert bei.
Das Ergebnis ist recht häufig: dass sich Missverständnisse aufstauen, dass Arbeitsschritte nicht hinterfragt werden, dass Irritation und Ärger nicht ausgedrückt werden – und dementsprechend auch nicht ausgeräumt werden können.
Wenn ich Workshops, Retrospektiven und Klärungsgespräche moderiere, achte ich sehr genau auf diese Punkte. Und ich schalte an den Knackpunkten sozusagen die Zeitlupe an. Natürlich kann ich die Zeit nicht anhalten oder bremsen. Ich sorge dafür, dass wir darauf achten, dass diese Details jetzt und hier ausreichend Zeit bekommen.
Was sind also diese Gesprächsmomente, bei denen ich die Pause- oder Zeitlupentaste drücke. Die ansonsten im Alltag weiterlaufen – ohne Eingriff durch den Video-Schiedsrichter:
Beispiel 1 – Wenn unterschiedliche Wahrnehmungen zur gleichen Situation existieren
In einem Teamworkshop haben zwei Teilnehmerinnen von einer Veranstaltung gesprochen, auf der der zuständige Ressort-Vorstand anwesend war. Eine Person empfand seine Teilnahme als sehr wertschätzend, weil er sich Zeit für die Mitarbeitenden genommen hatte. Die Andere empfand den Vorstand als nicht wertschätzend, weil er nicht die Themen angesprochen hat, die die Mitarbeitenden wirklich bewegt. Das war ein guter Zeitpunkt, um gemeinsam festzustellen: ja, unsere Wahrnehmungen sind subjektiv und sie unterscheiden sich vielleicht sogar, obwohl wir im gleichen Raum bei der gleichen Veranstaltung waren. Und es gibt keinen Zwang und keine Musterlösung hier einer Meinung zu sein. Es ist eine Tatsache, dass wir Situationen unterschiedlich wahrnehmen und bewerten. Das macht die Zusammenarbeit nicht unbedingt einfacher. Sich die Zeit zu nehmen, diese Unterschiede zu sehen und zu verstehen, macht das Miteinander allerdings besser gestaltbar.
Beispiel 2 – Wenn Interpretationen (oder Zwischentöne) die Oberhand gewinnen
Jede/r von uns interpretiert das Verhalten anderer Personen zeitgleich in dem Augenblick, in dem wir das Verhalten erleben. Z. B. Du sagst zu einem Lösungsvorschlag von mir: „Ach ich weiß nicht, ob das wirklich funktionieren kann.“ Dann kann meine intuitive Interpretation sein: Du hast kein konkretes Argument und versuchst mich mit einer pauschalen „Killerphrase“ auszubremsen. Wenn ich dieser Interpretation folge, habe ich gar keine Lust mehr, das mit Dir zu diskutieren. Ich winke dann vielleicht ab oder schiebe vielleicht noch einen sarkastischen Kommentar hinterher. Das ist ein klarer Fall für die Zeitlupe: wenn wir uns jetzt die Zeit nehmen aufzudecken, was a) Deine wirklichen Zweifel sind und b) wie das auf mich wirkt, wenn Du eine vage Aussage machst, dann verbessert sich unser Verständnis. Dann kommen wir einem guten Gesprächsergebnis näher. Das gilt auch, wenn solche verdeckten Botschaften zwischen den Zeilen auftreten, z. B. durch Umschreibungen, Stimmlage, Mimik oder Körpersprache. Eine kurze Nachfrage durch den Video-Schiedsrichter kann helfen, das in Kommunikation zu bringen: „Ich sehe, dass Du mit den Augen rollst und Dich weit zurücklehnst – was bedeutet das? Bist Du noch nicht einverstanden?“
Beispiel 3 – Wenn Themen oder Ebenen vermischt werden
Wenn es im Gespräch schwierig wird, ist es auch typisch menschlich, Themen zu vermischen. Wenn ein/e Kolleg:in einer anderen ein Feedback gibt mit Hinweis darauf, dass eine Aufgabe nicht in der nötigen Qualität oder in der vereinbarten Zeit bearbeitet wurde, kommt es oft vor, dass die Antwort sich nicht ganz hierauf bezieht, sondern auf andere Themen: „Ja, weil Kollege Soundso das auch nicht richtig gesagt hat,“ oder „Du hast bei dem anderen Thema aber auch nicht rechtzeitig Bescheid gesagt“. Mit der Zeitlupe kannst Du feststellen: „Wir sprechen gerade über zwei Themen: diese Aufgabe und das zweite Thema mit dem Bescheid sagen. Lasst uns beides besprechen: nacheinander.“ Auch wenn sachlich und persönliche Ebene sich vermischen, hilft es, dies auseinander zu dröseln: Eine Person ist über einen Sachfehler erbost und bringt dies vehement rüber. Der Andere sagt: „Bitte nicht in diesem Ton!“ Schon liegen zwei Themen vor, die nacheinander in Ruhe besprochen werden wollen: das sachliche Ergebnis und in welcher Form führen wir kritische Gespräche miteinander.
Was passiert, wenn Ihr es nicht kurz in der „Zeitlupe“ klärt? Aus einer kleinen Spannung, einem unabsichtlichen Ineinander-Verharken können ernste Folgen entstehen: man vermeidet das Gespräch, Präsentationen passen nicht zusammen, Projektfortschritte verlangsamen sich, es gibt Cliquen-Bildung, Aufgaben können nicht abgeschlossen werden, persönliche Beziehungen werden belastet.
Nun habt Ihr bei Eurer Zusammenarbeit keinen Videoschiedsrichter. Auch auf eine professionelle Moderation habt Ihr nur punktuell Zugriff, zu bestimmten Anlässen. Wie kannst Du dann selbst diese Szenen kurz anhalten und sauber klären?
Eine einfache Art und Weise, selbst kurz in die Zeitlupe zu gehen: zusammenfassen, was Du verstanden hast und checken, ob es so von den anderen gemeint war. Auf Seminardeutsch heißt das Paraphrasieren. Das lässt sich einfach üben: Du machst das in Deinen nächsten Gesprächen immer wieder und achtest darauf, ob Dein Gegenüber zu Deiner Zusammenfassung mit „Ja“ antwortet.
Eine andere Art, in kurzen Zyklen zu schauen, ob in Eurer Zusammenarbeit alles klar ist, sind Retrospektiven. Dabei bedarf es der Bereitschaft, nachzufragen – auch das eigene Verständnis einer Situation zu hinterfragen – und den Pause-Button zu betätigen, damit die anderen mit Dir gemeinsam überprüfen: wie haben wir das eigentlich gerade verstanden, sehen wir das gleiche Thema oder sind dort mehrere Perspektiven? Das ist im Alltag oft die größte Hürde: Zeit zu investieren. Und als Investment-Tipp gilt dann wieder das Zitat von Ruth Cohn: „Wir haben wenig Zeit, deshalb lasst uns langsam vorgehen.“
Ich wünsche Dir viel Verständnis und ein paar Momente, die Du gut in Zeitlupe klären kannst!
Foto: Canva AI.
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